Kaum ein Ernährungsthema wird so hartnäckig falsch weitergegeben wie Gicht. Viele Betroffene bekommen noch immer Listen in die Hand, auf denen Hülsenfrüchte, Spinat und Soja stehen — Lebensmittel, die nach heutiger Datenlage nicht das Problem sind. Was die Studien tatsächlich zeigen.
Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen. Steigt sie zu hoch, können sich Kristalle in Gelenken ablagern und einen Gichtanfall auslösen — meist heftig schmerzhaft, klassischerweise im Großzehengrundgelenk.
Erhöhte Harnsäure ist dabei kein isoliertes Problem. Sie tritt gehäuft zusammen mit Übergewicht, Insulinresistenz, Bluthochdruck und Fettleber auf. Deshalb steht sie bei mir im Themenbereich Stoffwechsel und nicht als Einzelthema daneben.
Eine Metaanalyse von 2024 hat Beobachtungsstudien zu Ernährungsfaktoren zusammengefasst. Die Werte sind Odds Ratios: 1,0 bedeutet kein Zusammenhang, darüber erhöhtes, darunter vermindertes Risiko. Erhöht war das Risiko bei:
Alkohol — 1,41 für erhöhte Harnsäure, 1,60 für Gicht
Rotes Fleisch — 1,27 beziehungsweise 1,32
Fruktose — 1,29 beziehungsweise 1,65
Meeresfrüchte und Fisch — 1,40 beziehungsweise 1,29
Dieselbe Auswertung fand deutlich günstige Zusammenhänge. Diese Lebensmittel gingen mit einem geringeren Risiko einher:
Kaffee — 0,56 für Gicht, der stärkste Schutzfaktor in der Auswertung
Milchprodukte — 0,69 für erhöhte Harnsäure
Nüsse — 0,75
Gemüse — 0,78
Sojaprodukte — 0,86 für Gicht
Jahrzehntelang wurde nach Puringehalt sortiert. Damit landeten Hülsenfrüchte, Soja, Spinat, Pilze und Blumenkohl auf der Verbotsliste — pflanzliche Lebensmittel mit relativ hohem Puringehalt.
Die Daten stützen das nicht. Sojaprodukte und Gemüse gingen mit einem geringeren Risiko einher, nicht mit einem höheren. Offenbar sind pflanzliche Purine im Körper anders relevant als tierische. Wer Hülsenfrüchte streicht, verliert Ballaststoffe und Eiweiß und gewinnt nichts.
Ähnliches gilt für Fruktose: Sie wurde lange übersehen, ist aber einer der klarsten Risikofaktoren — vor allem aus gesüßten Getränken, nicht aus ganzem Obst.
Diese Zahlen stammen aus Beobachtungsstudien. Sie zeigen Zusammenhänge, keine bewiesenen Ursachen. Wer viel Kaffee trinkt, unterscheidet sich möglicherweise auch sonst von denen, die keinen trinken.
Für die Praxis heißt das: Diese Befunde sind gute Orientierung für die Richtung, aber kein Grund, plötzlich literweise Kaffee zu trinken. Bei einer bestehenden Gicht ist die medikamentöse Harnsäuresenkung ohnehin der wirksamere Hebel — die Ernährung unterstützt sie.
Ernährung allein bringt die Harnsäure bei ausgeprägter Gicht selten in den Zielbereich. Die Leitlinien nennen für die dauerhafte Behandlung Zielwerte, die in aller Regel medikamentös erreicht werden.
Was die Ernährung sehr wohl kann: Auslöser für akute Anfälle reduzieren, das begleitende Stoffwechselbild verbessern und dazu beitragen, dass Medikamente niedriger dosiert werden können. Das ist nicht wenig — aber es ist etwas anderes als „Gicht wegessen".
Ein akuter Gichtanfall gehört ärztlich behandelt. Erhöhte Harnsäurewerte gehören eingeordnet: Ob und ab wann sie behandelt werden, entscheidet die Ärztin oder der Arzt, und die Empfehlungen unterscheiden sich je nachdem, ob bereits Anfälle aufgetreten sind.
Wichtig auch: Erhöhte Harnsäure zählt zu den Risikofaktoren für Nierensteine. Wer schon einmal welche hatte, sollte das in der Beratung erwähnen — dann schauen wir zusätzlich auf Trinkmenge und Zusammensetzung.
Nach heutiger Datenlage nein. Gemüse und Sojaprodukte gingen in der Metaanalyse mit einem geringeren Risiko einher, obwohl manche davon purinreich sind. Die alten Verbotslisten sortierten nach Puringehalt, nicht nach tatsächlicher Wirkung. Wer sie befolgt, verliert Ballaststoffe und pflanzliches Eiweiß ohne Gegenwert.
Alkohol war insgesamt einer der stärksten Risikofaktoren. Bier gilt zusätzlich als problematisch, weil es Purine aus der Hefe mitbringt. Wenn du reduzierst, ist Bier der sinnvollste Anfang — und alkoholfreies Bier ist keine automatisch harmlose Alternative.
Für Kirschen gibt es einzelne Hinweise, aber keine belastbare Evidenz auf dem Niveau der hier genannten Auswertung. Als Ergänzung spricht wenig dagegen; als Ersatz für eine ärztlich verordnete Harnsäuresenkung taugt sie nicht.
Ausreichend Flüssigkeit unterstützt die Ausscheidung und senkt das Risiko für Nierensteine. Als Orientierung gelten etwa 2 Liter über den Tag, sofern nichts dagegen spricht — bei Herz- oder Nierenerkrankungen gilt die ärztliche Vorgabe.